Klarheit

Menschen, die Dinge ruhig und wirksam „auf den Punkt“ bringen können, werden üblicherweise als angenehm erlebt. Es ist ja manchmal richtig wohltuend, wenn jemand einen Gesprächs-Wust an verschiedenen Themen, Gedanken, Emotionen mit wenigen Sätzen auf das Wesentliche reduzieren und damit sinnvolle weitere Schritte möglich machen kann.

Gleichzeitig wird vieles an unseren täglichen Arbeitssituationen als  „VUCA“ – also volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig – erlebt. Das Tempo ist hoch, Vereinbarungen halten nicht oder sind immer wieder neu zu verhandeln, Entwicklungen sind undurchschaubar und Rahmenbedingungen ändern sich rasch. Besonders von Führungskräften werden in diesem Umfeld aber klare Entscheidungen und brauchbare Rahmenbedingungen verlangt.

In diesem Umfeld als Führungskraft ruhig und wirksam bleiben? Mehr „in meiner Mitte“ bleiben? Auch in hektischen, widersprüchlichen, emotional aufgeladenen Situationen?

Wenn ich mich in diese Richtung weiterentwickeln will, kann es sinnvoll sein, regelmäßig zu üben. Üben, mich nicht in die Peripherie des Gedanken- und Gefühlskarussells zerren zu lassen, sondern näher bei der Nabe des sich drehenden Rades zu bleiben – dort, wo ich selbst ruhiger bleiben und die Bewegungen eher überschauen kann.

Für die Übung sind Tätigkeiten geeignet, die regelmäßig sind, mir Freude machen und leichtfallen.

Zum Beispiel Sport. Eher einfache Bewegungsabläufe (Laufen, Walken, einfachere Workouts) sind besonders geeignet. Bei der Bewegung sollte sich im Lauf der Zeit wie von selbst das Gefühl einstellen, dass ich „zu mir komme“, zumindest zeitweise aus dem Gedankenkarussell aussteige und nur mehr auf die Bewegung oder auf die Natur zentriert bin.

Ein weiterer „Königsweg“ in diese Richtung ist sicherlich auch regelmäßige Meditation oder meditative Körperübungen. Aber auch nicht zu komplexe und sich wiederholende manuelle Tätigkeiten können gut geeignet sein. 

Es geht nicht darum, diese Tätigkeiten deswegen auszuüben, um „besser nachdenken zu können“. Ganz im Gegenteil! Ich sollte möglichst einfach und fast spielerisch einen bestimmten Vorgang immer wieder üben können: 

Aus dem Kreisen der verschiedensten Gedanken für einen Augenblick auszusteigen und mich nur auf den gerade anstehenden Vorgang (Bewegung, Meditation, manuelle Tätigkeit) zu zentrieren. Nur das tun, was jetzt gerade zu tun ist. 

Wenn das Gedankenkarussell dann wieder losgeht (und das tut es mit Sicherheit!), dies einfach bemerken und in Ruhe bewusst wieder zum gerade anstehenden Vorgang zurückkehren. 

Die Fahrt auf dem Gedankenkarussell wird immer und immer wieder einsetzen. Aber ich kann ebenso immer wieder zur gerade anstehenden Tätigkeit zurückkehren. Wieder nur das tun, was jetzt gerade zu tun ist – nur laufen, nur sitzen und atmen, nur bügeln, nur schrauben.

Mit der Zeit und zunehmender Übung erkenne ich immer leichter, wann das Karussell wieder startet und kann immer wieder zur Zentriertheit zurückkehren. So können mir Sport oder Meditation oder manuelle Tätigkeiten vermitteln, wie es ist, wenn ich mich „näher an der Radnabe“ bewege.

Mit meinen persönlichen Erfahrungen aus der Übung kann ich ganz bewusst in die beruflichen Herausforderungen hineingehen: 

Rechtzeitig erkennen, dass mich der Ärger über eine Wortmeldung an die Peripherie zerrt, und damit die Möglichkeit haben, mit dieser Wahrnehmung konstruktiv umzugehen. Das Stirnrunzeln und die Aussagen der Besprechungsteilnehmer wahrnehmen und dann – selbst gut zentriert – versuchen herauszufinden, was wirklich los ist. Aus einem Wust und tausend Ebenen an Diskussionsbeiträgen herausschälen, was klar ist und woran weitergearbeitet werden muss. Aus dieser Zentriertheit heraus Entscheidungen treffen.

Das regelmäßige Üben von ruhiger Zentriertheit trotz aller äußeren Einflüsse und Entwicklungen kann die eigene Klarheit in Haltung und Entscheidungen sehr unterstützen. 

Auch wenn es sich letztlich um einen lebenslangen Übungsweg über viele persönliche Entwicklungsstufen hinweg handelt, macht er für die persönliche und berufliche Entwicklung Sinn:

Die Menschen in unseren Organisationen brauchen Führungskräfte, die bei aller „VUCA-Welt“ für Klarheit und Orientierung sorgen können und damit auch ein Stück Souveränität ausstrahlen.

Als Führungskraft daran zu üben, und damit sich selbst und den Mitarbeitenden letztlich Gutes zu tun, könnte den Aufwand wert sein!