Es ist wie es ist

Eine Standard-Erfahrung jeder Führungskraft: Trotz aller Freude an der Aufgabe entwickelt sich eine Situation oder ein Gespräch überhaupt nicht wie geplant oder gewünscht. Dann geht der Kampf los: die Situation muss anders werden, hier muss ich als Führungskraft unbedingt etwas tun. Ich muss “Leadership” zeigen…

Wie wäre es, wenn wir versuchen aus diesem anstrengenden “Kampf” einen “Tanz” mit den gegebenen Bedingungen zu machen? 

Wir könnten also versuchen, zunächst einmal nicht gegen die Situation anzukämpfen. Diese ist ohnehin so entstanden, wie sie sich nun darstellt. Sie ist wie sie ist.

Möglichst wenig Energie in den Versuch investieren, “das Wetter zu ändern”.

Wir müssen ja nicht mit der Situation einverstanden sein – und wir müssen sie keineswegs akzeptieren. Aber wir kämpfen nicht. Und ob wir uns dabei wohlfühlen (wahrscheinlich nicht), ist in diesem Moment auch nicht ausschlaggebend. Nur: zur Kenntnis nehmen.

Versuchen wir dann, mehr von unserer Energie in Richtung Wahrnehmung zu mobilisieren: was ist da gerade wirklich los? Bei mir selbst, bei den anderen, im Außen? Was bewegt mein Team oder meine Gesprächspartnerin in dieser Angelegenheit wirklich? Warum reagiert mein Gesprächspartner so unerwartet aufgeregt? Warum tun die Leute nicht, was wir doch so klar vereinbart haben? 

So genau wie möglich aufnehmen, nachfragen, zuhören, fühlen; bewusst mit allen Sinnen “in die Situation hineingehen”. Auch den eigenen Sturm der Gedanken und Gefühle in dieser Situation gleichberechtigt wahr- und zur Kenntnis nehmen. 

Die Situation ist immer noch wie sie ist. Wir kämpfen aber nicht, sondern versuchen ihr Muster lesen und sie umfassender wahr zu nehmen und verstehen.

In diesem aufmerksamen, bewussten und genauen “hineingehen” in die Situation können sich Ansatzpunkte ergeben, was ein sinnvoller und angemessener nächster Schritt sein könnte. An dieser Stelle können auch neue und ungewöhnliche Ideen oder einfache Impulse für sinnvolles Handeln entstehen.

Vielleicht entsteht für einen Augenblick das Gefühl, dass der verspürte Handlungsimpuls stimmig sein könnte. 

Zeichnet sich auf diese Weise ein angemessener nächster Schritt ab, ist es Zeit für die aktive Vorwärtsbewegung. Die Möglichkeit ergreifen und den Schritt mit Energie setzen.

Und dann wieder bewusst wahrnehmen, was sich tut: bei mir, bei den anderen, mit der Situation. Von hier geht es dann wieder weiter. Häufig braucht es mehrere solcher Schleifen. 

Das ist der “Tanz” mit der Situation: Statt angestrengten Agierens kommt zuerst das kurzzeitige Aussteigen aus der Situation – Innehalten. Dann das Wahrnehmen, Zuhören, spüren. Daraus entsteht die Chance auf einen passenden Schritt nach vorne: neuer Impuls, neuer Vorschlag, nächste Entscheidung, umsetzen.

Letztlich erhöhen wir damit die Chance, dass auf einer solchen Basis gesetzte Schritte und Entscheidungen so gut wie möglich die gegebenen Rahmenbedingungen erfüllen und dass nichts Wesentliches übersehen wird.

Dieser “Tanz” ist nicht immer einfach, er macht aber die Führungsaufgabe ungemein reizvoll und interessant. Ihn einmal schlechter und einmal besser zu bewältigen, ihn aber immer wieder zu wagen: daraus entsteht Führungs-Kraft (und ganz nebenbei auch persönliche Weiterentwicklung).

Es hilft übrigens, wenn man für sich selbst eine regelmäßige persönliche Übungspraxis für Körper und Geist etabliert (zum Beispiel Sport, Meditation, oder auch handwerkliche Tätigkeiten). In dieser Übungspraxis kann man die Abfolge Innehalten – Wahrnehmen – nächster Schritt konkret mental und auch körperlich trainieren. Mit etwas Übung lässt sich diese Vorgangsweise dann auch unmittelbar in anspruchsvollen beruflichen Situationen umsetzen.

Der Lohn dafür ist neben einem besseren persönlichen Wohlbefinden die Chance, sich auch in schwierigen beruflichen Situationen angemessen zu bewegen und damit wirklich als Führungs-Kraft zu wirken.